Sieben Jahre Ecuador: Aus dem Leben eines Bundesprogrammlehrers
vom: 31.10.2012
Jörg Krämer ist Biologie- und Geschichtslehrer und hat von 2005 bis 2012 an der Deutschen Schule Quito unterrichtet.
Quelle: Jörg KrämerWährend meines Referendariats sprach mich kurz vor den großen Ferien ein Kollege am Kopierer an, ob ich denn schon einmal ans Ausland gedacht hätte.
"Diesen Sommer wird das wohl nichts", antwortete ich,
"ich habe ja mit dem Examensstress noch einiges vor mir."Er klärte mich aber schnell auf, dass er weniger an den Sommerurlaub dachte, sondern mehr an das Auslandsschulwesen. Er selber war viele Jahre in Budapest gewesen und er schwärmte von der tollen Zeit dort. Er gab mir den Tipp mich noch vor dem Ende meines Referendariats bei der ZfA zu melden und in der Tat hatte ich schon kurz nach den Sommerferien einen Termin für einen Einstellungstest, den ich erfolgreich absolvierte. Dann ging alles recht schnell. Noch bevor ich meine Prüfungsergebnisse des zweiten Staatsexamens hatte, bekam ich schon einen Anruf aus Quito, der Hauptstadt Ecuadors, und schon Anfang Januar, während meine Mitstreiter im Referendariat noch um Stellen im Inland bangten, hatte ich meine Zusage für Quito.
Wo genau Quito lag, was mich und meine Frau dort erwartete – das war mir allerdings noch nicht ganz klar. In den Zeiten vor Google Earth und Wikipedia, wir schrieben das Jahr 2005, schauten wir auch zuerst in einen Atlas, wo Ecuador denn genau liegt. Wir beide waren noch nie zuvor in Lateinamerika gewesen und auch meine Spanischkenntnisse tendierten gegen null. Also buchten wir erst mal einen Spanischkurs und überbrückten die Zeit bis zur Abreise mit Sachen packen, einlagern, verkaufen und uns von den Freunden und der Familie zu verabschieden.
Ein wunderschönes Land mit harten Kontrasten
Im Juli 2005 kamen wir in Quito an. Der Himmel war stahlblau, die Sonne brannte unbarmherzig auf die zwei Millionen Metropole in den Anden nieder und die dünne Luft auf 2800 Metern raubte uns den Atem. Der Kontrast zwischen Arm und Reich nahm uns ebenfalls die Luft und dies sollte während unserer ganzen Zeit in Quito auch so bleiben. Ecuador ist ein wunderschönes Land, was aber auch harte Kontraste zu bieten hat. Vor riesigen Einkaufszentren warten Bettler und an den Ampeln, wo die großen, teuren Autos der Reichen auf Grün warten, werfen Halbwüchsige und Kinder bunte Bälle in die Luft und versuchen zu jonglieren, damit sie ein bisschen Kleingeld bekommen.Quelle: Jörg KrämerDer Empfang an der Schule war für mich als Neuling sehr angenehm. Schon in Deutschland hatten wir intensiv über E-Mail Kontakt mit einem Mentor, der uns in die Situation vor Ort einführen sollte. Neben etwa 30 deutschsprachigen Lehrkräften arbeiten an der Deutschen Schule in Quito auch noch 90 spanischsprachige Lehrkräfte. Auch in meiner Fachschaft Biologie bestand die Hälfte aus rein spanischen Muttersprachlern. Mit meinem Basiswörterschatz Spanisch, den ich mir zuvor angeeignet hatte, kam ich am Anfang mühsam über die Runden, aber die Geduld und die Hilfe der nationalen Kollegen nahm mir bald die Sorge, dass ich etwas falsch sagen könne, und so praktizierte ich mein Spanisch immer eifriger mit den Kollegen.
Im Unterricht half mir zunächst, dass ich vorab schon ein bisschen mit der Theorie des bilingualen Unterrichts und des Deutschsprachigen Fachunterrichts (DFU) beschäftigt hatte. Für diesen Tipp bin ich dem Kollegen, der mir damals am Kopierer vom Auslandsschulwesen erzählte, immer noch dankbar. In der Schule gab es zwar auch in jeder Jahrgangsstufe eine deutschsprachige Klasse, doch von Anfang an hatte ich vor allem mit spanischen Muttersprachlern in meinem Fachunterricht zu tun. Woher sollten diese Schüler wissen, ob es die Cytoplasma oder das Cytoplasma heißt? In langen Nächten überlegte ich mir jeden Tag aufs neue, wie ich die vielen Ideen, die ich im Handbuch für den Deutschsprachigen Fachunterricht fand, auf meine Schüler und meine Unterrichtsthemen anpassen konnte.
Miteinander der Kulturen
Rückblickend war das erste Jahr das härteste Jahr, aber ich denke, dass es wohl immer so ist, wenn man frisch aus dem Referendariat kommt und plötzlich mit einer Unterrichtsverpflichtung von 24 Stunden pro Woche konfrontiert wird. Auch die vielen Gespräche mit den erfahrenen Kollegen, die immer ein offenes Ohr hatten, halfen mir das erste Jahr erfolgreich hinter mich zu bringen.Durch die Arbeit in Klassen mit vielen spanischen Muttersprachlern bekam ich nach einem Jahr auch das Gefühl, was die Schülern leisten konnten und wo sie noch Hilfestellung brauchten. In dieser Zeit erlernte ich das Handwerkszeug einer jeden guten DFU-Lehrkraft: DaF-Schreibweise, Wörterlisten, Wörterhilfen am Ende von Texten, usw.
Schon zu Beginn meiner Zeit in Quito fiel mir auf, dass einige Lehrkräfte besonders viel Wert auf das Miteinander der Kulturen an der Schule legten. Weder ist die Kultur der Deutschen Schule ganz deutsch, noch ist sie ganz ecuadorianisch. Sie ist interkulturell. Diese Interkulturalität machte ich mit einer Kollegin, Vivian Breucker, zu einem meiner Arbeitsschwerpunkte an der Deutschen Schule Quito. In späteren Jahren haben wir zusammen Schulungen für die ganze Region innerhalb der Vorbereitungswoche für neue Kollegen abgehalten.
Manchmal war diese ganze Arbeit auch kräftezehrend, nicht nur für mich, sondern auch für meine Familie, die mittlerweile nicht nur aus meiner Frau bestand, sondern auch aus zwei in Ecuador geborenen Kindern, die wie die Schule interkulturell waren. Sie bildeten ihre eigene, dritte Kultur, die aus der ecuadorianischen und deutschen Kultur bestand. Das schöne Umfeld, die Schüler, die ich immer als sehr zuvorkommend und aktiv erlebte, die vielen netten Kollegen, das gemeinsame Tun mit dem Ziel einer besseren Lernumgebung für die Schüler zu schaffen, machten es uns leicht mehr als sechs Jahre zu bleiben. Die Arbeit mit den Kollegen aus Bayern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und all den anderen Bundesländern erweiterten auch meinen Horizont. Auch den Erfahrungsaustausch mit Schweizern und Österreichern möchte ich nicht missen. Nicht zu vergessen die intensive Zusammenarbeit mit den ecuadorianischen Lehrkräften, die vieles anders angehen, die weitaus persönlicher in der Beziehung mit den Schülern sind, gab mir persönlich viele Impulse um mein tägliches Tun zu überdenken und auch oft kritisch zu hinterfragen. Die Zeit in Ecuador an der Deutschen Schule Quito war eine tolle Zeit und ich möchte sie nicht missen.
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